Jugendwerkhöfe in der DDR
ein dunkles Kapitel sozialistischer Heimerziehung


 

 

Strafen und Belobigungen

Hauptbestandteil der Erziehung waren Strafen als Abschreckung. Häufigstes Mittel war der Zwangssport bis zur letzten Erschöpfung, als Gruppen- und Einzelstrafen. Die Sturmbahn laufen, im „Entengang“ oder mit Gewichten Runden auf dem Hof drehen oder die Treppen hoch und runter laufen waren alltägliche Übungen zur Strafe. Ganz gefürchtet war der so genannte „Torgauer Dreier“, der aus Liegestütze, Hocke und Hockstrecksprung, der bei jeder Wetterlage, bis zur totalen Erschöpfung durchgeführt werden musste. Auch Reinigungsarbeiten als Strafmaßnahmen entsprachen militärischen Mustern. Scheuern der Flure mit Kernseife oder Scheuersand hatte auch einen Bestandteil in dem Bestrafungsrepertoire. Als zusätzliche Schikane musste die gesamte Gruppe mit dreckigen Schuhen durch die Flure laufen, um die Arbeit wiederholbar zu machen.

Gerade im schulischen Bereich wurden Kleinstrafen verhängt, wie seitenlange Aufsätze zu den Themen „Wie mache ich meine Schnürsenkel auf und zu?“ oder „Warum ich nicht weiß, wer die Zeitung zerrissen hat“. Auch das hundertmalige Abschreiben von Sätzen, wie „In der Nachtruhe hat man zu schlafen, nicht zu quatschen.“, gehörte zu den verhängten Strafen. Trotz dass das Schlagen von Kindern den Erziehern offiziell verboten war, lagerten in den Erzieherzimmern Schlagstöcke, die zur Notwehr dienen sollten. „Kopfnüsse“ und das Bewerfen mit dem Schlüsselbund gehörten zu den Handgreiflichkeiten der Erzieher. Widerspenstige Jugendliche wurden auch manchmal mit Handschellen an die Flurgitter gekettet.

Die gefürchtetste Strafe war aber der Arrest, der bis zu zwei Wochen dauern konnte. Verordnet wurde er bei Entweichungen, Fluchtversuchen, schlimme Verstöße gegen die Hausordnung oder eine Missachtung der erzieherischen Maßnahmen. Drei Verwarnungen, die bei kleinen Verstößen vergeben wurden, führten auch zu Arrest. Wie das die Jugendlichen veränderte, zeigt sich am Beispiel von Gonzo in dem Jugendbuch „Weggesperrt“. Sie hatte Schrauben geschluckt und behauptete sie hätte sie gestohlen, obwohl Anja die Schrauben zuvor aus der Werkstatt hat mitgehen lassen. Dafür wurde Gonzo Arrest in der Dunkelzelle verordnet. Danach ist sie total verstört: „Als Gonzo nach vier Tagen wiederkam, sah sie aus wie ein Grufti: kreidebleiches Gesicht, schwarze Augenringe. Anja suchte den Blickkontakt zu ihr, aber Gonzo schaute an ihr vorbei ins Nirgendwo.“ (S.253) Die Jugendlichen bekamen ein Gefühl des Ausgeliefertseins, was auch noch durch die ständige Beobachtung der Erzieher verstärkt wird, die bei jedem Dusch- oder sogar Toilettengang zuschauten.

Im Gegenzug fielen die Belobigungen sehr mager aus. „Wochenbeste Gruppe“ war ein Titel, der eine vorübergehende Verminderung des Anpassungsdrucks mit sich brachte. Hatte man diese Auszeichnungen dreimal errungen, bekam man 30 Mark der DDR, von dem meist eine Torte gekauft wurde. Verpetzte man einen anderen Insassen, der gegen eine Regel verstoßen hatte, wurde man mit Freizeitvergünstigungen belohnt. Seinen Aufenthalt konnte man durch „vorbildliches Verhalten“ zwei bis drei Wochen verkürzen.