Jugendwerkhöfe in der DDR
ein dunkles Kapitel sozialistischer Heimerziehung


 

 

Fazit

Der Jugendroman „Weggesperrt“ von Grit Poppe schafft es, an ein sehr schwieriges Thema gut heranzugehen. Die fiktive Geschichte von Anja Sander gibt Einblick in den Alltag der Jugendwerkhöfe und natürlich in den Alltag von Torgau. Grit Poppe schreibt sehr einfühlsam, so dass man sich in die Lage von Anja sehr gut hineinversetzen kann. Ihre Erlebnisse, Gefühle und Ängste werden sehr berührend beschrieben. Es stellt sich teils ein Gefühl der Beklemmung ein, wenn Anja selbst physischen oder psychischen Misshandlungen ausgesetzt ist, man kann aber gleichzeitig mit ihr Mut schöpfen, wenn sich für sie Auswege darstellen oder wenn sie in ihrer Fantasie den Situationen entflieht. Gleichzeitig erhält man einen großen Überblick über das, was in den Einrichtungen der Jugendhilfe passiert ist. Da die Handlung im Buch sehr weitläufig ist und sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, hat Grit Poppe das Erzähltempo dementsprechend angepasst. Somit wird es nicht langweilig zu lesen, da sich meist ein Ereignis an das Nächste reiht, was teilweise schon ein bisschen verwirrt. Man muss zwischendurch immer mal wieder den Handlungsablauf sortieren, um nicht durcheinander zu werden.

Grit Poppe hat für ihr Buch sehr viel recherchiert und mit ehemaligen Insassen gesprochen. So entsteht eine Authentizität, ohne dass das Buch biographisch wirkt. Meiner Meinung nach ist es besser, dass man bei so einem schweren Thema ein Jugendbuch nicht komplett biographisch oder autobiographisch darstellt. Dies könnte viele, insbesondere jüngere Leser verschrecken, wenn sie wüssten, dass dies eine komplett wahre Geschichte ist. Anhand von der fiktiven Hauptperson Anja geht man differenziertet an das Thema heran und natürlich wird die Fantasie noch mehr angeregt. Den Weg, den die Autorin hier gewählt hat, finde ich sehr passend und gut durchdacht, denn sie hat es sich trotzdem nicht nehmen lassen, zu recherchieren und mit den Betroffenen zu reden. Dies spiegelt sich auch in ihrem Buch wieder.

Außerdem kommt im Buch der Charakter von Anja sehr gut heraus und man kann ihrer inneren Entwicklung folgen. Im Laufe des Buches stellt man fest, dass sich Anja durch die Misshandlungen und den psychischen Terror sehr stark verändert. Am Anfang ist sie noch sehr neugierig, kritisch und hat eine eigene Persönlichkeit. In Torgau hört sie auf, die Dinge zu hinterfragen und man sieht, dass sie innerlich gebrochen ist. Denn auch nach ihrer Zeit in Torgau, als sie in Leipzig ist, wird sie von Panikattacken und Angstzuständen geplagt. Diese Entwicklung wirkt in meinen Augen sehr authentisch und realistisch, weil es genau das war, was man mit der „Umerziehung“ in den Jugendwerkhöfen erreichen wollte: Den Jugendlichen ihre Individualität und das eigene Urteilsvermögen zu nehmen. Grit Poppe beschreibt Anjas innere Veränderung schrittweise, so dass man die Entwicklung sehr genau beobachten kann. Trotzdem lässt Anja sich nicht komplett unterkriegen, trotz der vielen schlimmen Erlebnisse, die sie machen musste.

Grit Poppes Jugendroman „Weggesperrt“ ist sehr gut gelungen und handelt von einem nicht alltäglichen Thema. Aber das ist es, was dieses Buch so besonders macht. Es klärt auf und zeigt den Jugendlichen heute, was früher vielen ihrer Gleichaltrigen passiert ist. Es ist sehr wichtig, dass man solche Themen publik macht und dabei auch die Zielgruppe der 14- bis 15-jährigen anspricht. Oft wissen diese wenig über die DDR und die meisten kennen die Jugendwerkhöfe gar nicht. Grit Poppe schreibt hier also über ein Thema, das vielen nicht bekannt ist und trotzdem ein schreckliches Kapitel sozialistischer Heimerziehung verkörpert. Und ihr ist es ausgesprochen gut gelungen.

Abschließend ist zu sagen, dass mir das Jugendbuch „Weggesperrt“ von Grit Poppe sehr gut gefallen hat und ich einiges über die Jugendwerkhöfe und die dortige Erziehung lernen konnte. Ich fand interessant zu beobachten, welche Entwicklung Anja im Laufe des Buches macht und bewundere gleichzeitig ihre innere Stärke, die sie im Buch eindeutig beweist. Es ist empfehlenswert sich einmal mit dem Buch auseinanderzusetzen, auch wenn man nicht ganz der Altersgruppe, für die es geschrieben ist, entspricht, denn man lässt sich auf ein völlig neues Thema ein, was einerseits spannend, aber hauptsächlich erschreckend ist. Grit Poppes Schreibstil lässt das Thema sehr lebendig und wirklich erscheinen. Ich denke, dass das Buch auch für Schulklassen eine neue Erfahrung ist und es gleichzeitig Spaß macht, damit zu arbeiten.

Ich hoffe, dass „Weggesperrt“ viele Menschen erreicht und wirklich über das Thema aufklärt, damit die Jugendwerkhöfe, Torgau und die menschenunwürdige sozialistische Heimerziehung in unserer heutigen Gesellschaft keine Tabuthemen bleiben.