Jugendwerkhöfe in der DDR
ein dunkles Kapitel sozialistischer Heimerziehung


 

 

Charakterisierungen der Hauptfiguren

Anja Sander

Anja Sander ist zu Beginn des Romans 14 Jahre alt und stellt die Hauptperson des Jugendromans „Weggesperrt“ dar. Ihre Mutter ist alleinerziehend, da Anjas Vater bei einem Unfall gestorben ist.

[…] in der Schule giltst du als eine, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt […]“ (S. 41)

In ihrer momentanen pubertären Phase erprobt Anja ihre Grenzen, vor allem im schulischen Bereich. Schwänzen des Unterrichts und ein „Provokationswettstreit“ mit einem ihrer Mitschüler zeigen Anjas Fehlverhalten, was sie aber zu vertuschen versucht. Dementsprechend unterbindet sie jeglichen Kontakt ihrer Mutter mit der Schule. Dabei ist Anja sehr naiv und betrachtet all dies mehr als einen Spaß. Sie versteht noch nicht, dass dieses Verhalten in der DDR registriert wird und hinterher als Beweise angeführt werden kann, wenn man Anjas Mutter eine „falsche Erziehung“ vorwirft. In diesem Sinne ist Anja ein Rebell, was aber ihre Leistungen in der Schule nicht beeinflusst. Sie ist weiterhin eine gute Schülerin. Geistige Herausforderung und die Konfrontation mit den verschiedensten Themen und auch Diskussionen sprechen sie an. Auch im Jugendwerkhof zeigt sich ihr Lernwille, indem sie sich mit dem Vertretungslehrer über die Literatur unterhält und freiwillig eine Ballade auswendig lernt.

Für die Politik ist sie allerdings nicht zu begeistern, schließlich träfen sich dort nur „langweilige alte Männer auf langweiligen Parteiversammlungen, um langweilige Reden zu halten“ (S. 205). Anja ist zwar Mitglied der Jungpioniere, hält sich aber nicht an die vorgeschriebene Kleidung und sie tritt als Einzige in ihrer Klasse nicht in die FDJ ein. Sie kennt die Nachteile des Sozialismus, weiß aber auch, was man ihr in der Schule an Vorteilen lehrte. Obgleich sie von selbst Nachteile aufzählen kann und man somit ihre eigene Meinungsbildung erkennt, kann sie in ihrer noch kindlichen Wertewelt vieles noch nicht wirklich abwägen. So setzt sie die fehlende Meinungsfreiheit gleich mit der Unmöglichkeit, westliche Schokolade zu erhalten. Ihr ist auch bekannt, dass Menschen an der Mauer sterben, aber warum ihre Mutter einen Ausreiseantrag stellt, versteht sie noch nicht wirklich. Die Staatssicherheit ist für sie noch kein sehr bekanntes Thema und sie ist mit ihr auch vor der Verhaftung ihrer Mutter noch nicht in Kontakt getreten. Deswegen schätzt sie die Mechanismen der Staatssicherheit sehr falsch ein: „Doch auch die Stasi musste ja mal Feierabend machen“ (S. 18) Die Begründung, zur „Klärung eines Sachverhalts“ (S.23) mitzukommen, interpretiert sie demnach auch nicht als eine besonders ernste Sache. Während ihrer Anhörung kann sie die Anschuldigungen, die man ihrer Mutter macht, nicht verstehen: „Meine Mutter hat nichts Schlimmes getan“ (S.25) Sie reagiert hier trotzig, was ihr noch oft kindliches Verhalten unterstreicht. Für Anja sind all diese Fragen mehr ein Spaß, über den sich auch ihr Schulkamerad totlachen würde. „Spätestens morgen“ (S. 26) wird ihrer Meinung nach alles wieder vorbei sein. Sie erkennt nicht, welches Verhalten für die Staatsideologie akzeptabel ist und sieht dementsprechend auch bei ihr und ihrer Mutter kein Fehlverhalten.

„Sie verstand nicht, warum Leute ihre Arbeit verloren oder verhaftet wurden, nur weil sie nicht in diesem Land leben wollten, und warum das für den Sozialismus nötig sein sollte.“ (S. 13)

Mit Anjas Einweisung in ein Erziehungsheim der DDR wird sie aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen. Anfänglich setzt sie noch alle Hoffnung in ihre Mutter, doch diese schwindet im Laufe der Zeit. „Vielleicht ließen sie ja auch ihre Mutter gehen und sie fuhren zusammen nach Hause.“ (S. 27) Anja versucht immer wieder Kontakt zu Mitinsassen aufzunehmen, trotz dass Sprechen und Kontaktaufnahme verboten sind und bewusst unterbunden werden. Sie setzte sich wissentlich darüber hinweg, was ihr Bedürfnis an zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt. Das von der Heimleitung gezielt geförderte unsolidarische Verhalten der Jugendlichen untereinander führt auch dazu, dass Anja mit der Zeit in eine soziale und psychische Isolation gerät. Ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Nähe kann nur durch die Freundschaft zu Gonzo und Tom gestillt werden, auch wenn diese Beziehungen schwer aufrechtzuerhalten sind. Weil sie der willkürlichen Behandlung der Erzieher ausgesetzt ist, kommt sie später zu folgender Erkenntnis: „Wenn er drauf ankommt, ist man sowieso allein […].“ (S.299)

Anja hat eine ausgeprägte Empathiefähigkeit, die für sie meist schlechte Folgen hat. Zum Beispiel ist sie froh, bei einer sich bietenden Gelegenheit nicht geflohen zu sein, damit die sympathische Erzieherin des Durchgangsheims nicht in Schwierigkeiten kommt, obwohl ihre Flucht sehr vielversprechend gewesen wäre. Doch während ihrer Zeit in Torgau scheint sie die Fähigkeit der Empathie zu verlieren: „Natürlich war das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit […]. Aber Anja dachte nicht an Gonzo. Sie leckte sich das letzte bisschen Sahne von den Lippen.“ (S. 242) Außerdem denkt sie an die Konsequenzen, die für sie entstehen, würde sie jemand anderem helfen: „Und wenn sie jetzt versuchte, dem Mädchen zu helfen, würde sie nur selbst verprügelt werden.“ (S.212)

Anja verfügt über eine große Fantasie, mit der sie unangenehmen, belastenden und qualvollen Situationen entgehen kann bzw. sie besser ertragen kann. Bei dem Verhör durch die Stasi denkt Anja daran, mit ihrer Mutter einen Apfelkuchen zu backen und sie stellt sich den Geruch des Kuchens und die Freude ihrer Mutter vor. Im D-Heim entgeht sie der langweiligen Arbeit, indem sie sich in den Diarähmchen, die sie zusammen stecken muss, Landschaften, Tiere und andere schöne Sachen vorstellt. Die Geschichten von Ausgesetzten, wie E.T. und dem Menschenkind Mowgli helfen ihr mit ihrer Situation umzugehen, da Anja sich in einer gleiche Misere sieht. In den unerträglichsten Situationen erscheint in Anjas Fantasie der „Panther“ aus Rilkes Gedicht.

Anja ist es als intelligentes und selbstbewusstes Mädchen gewohnt, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Sind für sie manche Fragen ungeklärt oder Sachverhalte nicht transparent, interpretiert sie die Lage auf ihre eigene Weise. Verbote, Anordnungen und Strafen beurteilt sie mit gesundem Menschenverstand. Sie versteht zunächst noch nicht, dass dies alles zu einem ausgetüftelten Plan der Jugendhilfe gehört – was immer wieder zu Fehleinschätzungen führt. Ihre Gefangennahme sieht sie beispielsweise als ein „idiotisches Missverständnis“(S.33).

Die menschenverachtende Behandlung der Jugendlichen und die Unmöglichkeit, sich nicht für seine Mitinsassen und sich selbst stark machen zu können, löst starke Aggressionen in Anja aus. Diese angesammelte Wut lässt sie in verbal geäußerten, gedachten oder gar körperlichen Attacken an den Erziehern aus. Anja ist in Torgau bereits so verängstigt, dass die Ungerechtigkeit und die natürliche Wut darüber gar nicht mehr in ihr aufkommt: „Einen Moment spürte sie Wut in sich auflodern, wie eine Flamme. Aber die Flamme war zu schwach, um richtig zu brennen, sie erlosch gleich wieder.“ (S.181)

Anja läuft Gefahr durch die ständigen physischen und psychischen Misshandlungen letzten Endes ihre geistige Individualität und Identität aufzugeben. Schon während der menschenunwürdigen Einweisung in Torgau zeigt man ihr, dass dies gerade erwünscht ist: „Das Wort Ich existiert hier nicht […]. Dein Ich kannst du an diesem Ort vergessen.“ (S. 180) Trotzdem fühlt sie, dass ihre eigene Persönlichkeit noch nicht ganz zerstört ist: „ […] ihre Gedanken waren immer noch frei.“ (S.184) Aber ihr Urteilsvermögen und Selbstverständnis, ja ihre ganze Psyche, leiden unter dem ständigen Terror. Die Situation wird für sie zu einem Trauma. Anja unternimmt in ihrer Ohnmacht alles, um den schrecklichen und willkürlich verteilten Strafen zu entgehen. Anpassung steht nun vor dem Hinterfragen von Dingen. Der Direktor wirft ihr sogar vor, selbst an ihrem Aufenthalt in Torgau schuld zu sein, und auch wenn sie weiß, dass das nicht stimmt, glaubt sie ihm zunehmend:

„Selbst schuld… Wenn sie die Schule nicht geschwänzt hätte … Wenn sie in diese Scheiß-FDJ eingetreten wäre, wie alle anderen… Wenn sie den verdammten Stuhl nicht…“ (S.229)

Um sich selbst vor diesen schrecklichen Momenten zu schützen, verfällt sie in eine Art Trance, in der ihre Angst trotzdem allgegenwärtig ist: „Sogar wenn man alles richtig machte, konnte es hier falsch sein.“ (S.223) Nach ihrer Flucht in Leipzig wird Anja von Panikattacken und Albträumen heimgesucht und es misslingt ihr oft, die Erinnerungen an die Zeit in den Jugendheimen zu verdrängen. Schon die geringsten Anzeichen, wie Polizisten oder der Geruch von Sauerkraut, können sie sehr erschüttern. Sie glaubt, wie schon in Torgau, dass es immer zum Schlimmsten kommt, damit sie auf alle möglichen Szenarien vorbereitet ist: „Die Menschen auf dem Bürgersteig sahen aus wie ganz gewöhnliche Menschen. Aber das musste ja nichts bedeuten. Dort unten konnten die auffällig unauffälligen Herren von der Staatssicherheit stehen und ihr auflauern. Oder fing sie jetzt an, Gespenster zu sehen?“ (S.290)

Am Ende spielen mehrere Faktoren in ihren neuen Mut ein: Die Sicherheit und Zuwendung bei den Jugendlichen und in der Masse der Demonstranten, Toms Zuneigung, sowie das Wiedersehen mit ihrer Mutter.

Anjas Entwicklung im Laufe des Buches zeigt deutlich, wie man versuchte die Psyche der Jugendlichen zu verändern und zu zerstören. Anhand eines Schaubildes lässt sich das sehr gut erkennen:

Stationen der äußeren Handlung Anjas innere Entwicklung

Berlin intelligent, kritisch, provokant, unangepasst

D-Heim setzt sich für andere ein, missachtet Verbote, kontaktfreudig

Jugendwerkhof möchte keinen Kontakt zu anderen, „Burg“ will nicht auffallen, denkt an Flucht

Torgau fast gebrochen, will sich immer richtig Verhalten, Trance, Abstumpfung

Leipzig ängstlich, denkt stärker an sich, hält „Freiheit“ sich (zunächst) von Demos fern, schöpft Hoffnung

Von einer klugen und kritischen Jugendlichen wird Anja nach Misshandlungen und Monaten von Qualen zu einem gebrochenen und ängstlichen Mädchen.


Gonzo – Nicole Pätzold

Na, meine Alte hat mich ins Heim gesteckt, bevor sie irgendjemandem sagen konnte, wie ich heiße.“ (S.35)

Gonzo ist ohne Eltern im Kinderheim groß geworden und wird aufgrund eines unbekannten Grundes in einen Jugendwerkhof eingewiesen, flüchtet, wird erwischt und kommt ins Durchgangsheim in Berlin. Sie versucht ständig ins Krankenhaus zu kommen, um zu flüchten. Schaffen will sie das, in dem sie mit dem Trinken von Putzmitteln eine Vergiftung hervorruft. Aber ihr Plan misslingt – vorerst. In Torgau, als Gonzo Anja wiedertrifft, ist sie schon bereits zwei Monate wegen wiederholter Entweichungen aus dem Jugendwerkhof dort. Gonzo weiß, dass eine Flucht aus Torgau unmöglich ist, tüftelt sie ständig neue Pläne zur Flucht aus und schreckt dabei vor nichts zurück. Im Gegensatz zu Anja, die sich in ihrer Fantasie vorstellt, wie es wäre zu fliehen: „Sie stellte sich vor, dass sie wieder davonrannte. Weit, weit weg.“ (S.221) Obgleich Gonzo ohne Skrupel ist, misslingen ihre Versuche: Sie schneidet sich mit einer Scherbe, kommt aber trotzdem nicht, wie erhofft ins Krankenhaus. Schlimmer noch, sie kommt in die Arrestzelle wegen Selbstverstümmelung. Auch das Verschlucken von Bleistiften und mehreren Schrauben bringt nicht den gewünschten Erfolg, sondern verfrachtet sie wegen Sabotage und „abstandslose[m] Verhalten“ (S.249) in den Arrest in der Dunkelzelle.

Aber du kannst mich Gonzo nennen.“ (S.35)

Den Spitznamen Gonzo hat sie sich von der gleichnamigen Puppe aus der Muppet-Show „geliehen“, da sie auch nichts über ihre Herkunft weiß: „Gonzo ist ein Irgendwas – so wie ich.“ (S.35) Desweiteren scheitern beide, das Mädchen und die Puppe, ständig an ihren Vorhaben, geben aber trotzdem nie auf. Gonzo schafft es nicht zu fliehen und die Puppe Gonzo bringt nie eine gute Vorstellung in der Muppet-Show ans Laufen.

Gonzo erscheint mit all ihren Äußerungen äußerst optimistisch und humorvoll, auch wenn ihre Fluchtversuche ständig misslingen. Die Freundschaft zu Anja drückt sich vor allem in ihrer Hilfsbereitschaft aus. Zum Beispiel zeigt sie Anja bei ihrer Ankunft im D-Heim, wie man sich im Schlafsaal einzurichten hat und sie setzt sich bei ihrem Arbeitgeber für Anja ein: „[…] nun sei’n Sie mal nicht so streng“ (S.56) Als wäre das nicht genug gibt sie Anja auch noch drei ihrer fertigen Kartons ab, so dass diese die Norm schaffen kann. Vielmehr klärt Gonzo Anja über alle wichtigen Personen auf (z.B.: „Mit der Gabler ist nicht zu spaßen.“, s.36) und sie sagt ihr, was sie über Tom weiß. Auch in Torgau hilft sie Anja noch, indem sie ihr für die schnellere Arbeit gibt und die von Anja gestohlenen Schrauben als die ihren ausgibt: „Jugendliche Pätzold meldet, die Dinger gehören mir!“ (S.248) Scheinbar liegen beide Mädchen auf einer „Wellenlänge“, denn eine Freundschaft, wie bei Gonzo und Anja, gehörte nicht zur Regel.

Gonzo verfügt über eine sehr sarkastische Art mit Dingen umzugehen und Dinge zu sehen. Das Trinken von Putzmittel begründet sie damit, dass sie sich „innerlich reinigen“ wollte, denn „[b]ehandelt wirst du hier wie der letzte Dreck und gegen Dreck hilft nur Seife, oder nicht?“ (S.46) Das Wiedersehen in Torgau kommentiert sie mit: „Du hier und nicht in Hollywood?“ (S.208) Selbst während einer strengen Bestrafung, wo sie im Entengang die Treppe auf- und abgehen muss, kann sie es nicht lassen das Schnattern der Ente („nag, nag“, S.239) nachzumachen.

Zur Ablenkung singt Gonzo immer Lieder, wie zum Beispiel in der Torgauer Arrestzelle, wo sie das Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und das „Lied von Torgau“ singt. Selbstverständlich zieht das öfters Strafen mit sich. Als sie nach ihrem Aufenthalt in der Dunkelzelle völlig verstört auf dem Bett liegt, kann sie nur durch singen wieder von Anja aus ihrem Loch geholt werden, „[…], in das sie gefallen war“ (S.254). Trotzdem scheint ihr Lebenswille gebrochen zu sein und die Todessehnsucht in der Dunkelzelle wird immer stärker und sie verteidigt sie sogar vor Anja: „Dann hättest du endlich deine Ruhe. Und ein Irgendwas wie Gonzo wird niemand vermissen.“ (S.257) Hier zeigt sich deutlich die Verzweiflung in ihr, nachdem man sie in der Dunkelzelle eingesperrt hatte. Aber durch Anjas Zuspruch kann sie wieder Mut fassen und plant erneut eine Flucht. Eben diese Zuversicht bestärkt Anja schon am nächsten Tag, wo sich ihr die Möglichkeit der Flucht anbietet. Sie muss sofort an Gonzo denken und wie diese immer scheiterte, ins Krankenhaus zu kommen. Anja wird hier wesentlich von der Erinnerung an Gonzo beeinflusst: „Na komm schon, hörte sie plötzlich Gonzos Stimme in ihrem Kopf flüstern, wenn du die Chance nicht nutzt, wirst du es dein Leben lang bereuen. Okay, dachte Anja.“ (S.266 f.)